MITROPA-Speisewagen 1189 P

WR4ü-39 1189

Aus Anlaß der Aufnahme des Betriebes vor 80 Jahren ließ die MITROPA AG einen "Historischen Speisewagen" weitestgehend in den Ursprungszustand zurückversetzen. Hier Wagen 1189 P am 30.7.1997 in der ISG/DSG-Werkstätte München-Neuaubing

Mitropa

Foto: Thomas Landwehr

Die MITROPA

In Deutschland und dem festländischen Europa führte bis 1914 hauptsächlich die "Internationale Schlafwagen-Gesellschaft" Luxuszüge und wichtige Schlafwagenläufe sowie Speisewagenkurse.  Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges förderte den Gedanken, sich von dem französisch-belgischen Unternehmen zu lösen und eine eigene Gesellschaft zu gründen.  Nach langwierigen Verhandlungen kam es dann am 24. November 1916 zwischen den deutschen Staateisenbahnverwaltungen, den österreichischen und ungarischen Staatsbahnen sowie einem Bankenkonsortium unter der Führung der Deutschen und Dresdner Bank zur Gründung der "Mitteleuropäischen Schlafwagen- und Speisewagen Aktiengesellschaft".  Gegenstand des Unternehmens war der Erwerb und Betrieb von Schlaf-, Speise, Luxuswagen und Luxuszügen sowie der Betrieb aller Geschäfte und Unternehmungen, die nach dem Ermessen des Aufsichtsrates dem Zweck der Gesellschaft dienten.  Die MITROPA konnte am 1. Januar 1917 den Betrieb zunächst mit gebraucht gekauften Fahrzeugen aufnehmen.  

Die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse prägten das Bild der ersten Geschäftsjahre.  Die Gesellschaft befuhr sämtliche Strecken des Deutschen Reiches und bediente außerdem Kurse in das benachbarte Ausland.  1927 führte sie das MITROPA-Signum und den bordeauxroten Anstrich der Fahrzeuge ein.

Die MITROPA legte von Anfang an immer großen Wert auf einen guten Zustand ihrer Fahrzeuge.  Die ersten eigenen Schlafwagen bestellte sie ab 1923, fünf Jahre später folgten Speisewagen in der neuen Ganzstahlbauweise.  Es gelang ihr, den Wagenpark von Jahr zu Jahr zu vermehren und zu verbessern.  Dieser Entwicklung setzte der Zweite Weltkrieg ein jähes Ende.  1942 wurde der Speisewagenbetrieb eingestellt, nur die Schlafwagenkurse verblieben.  Eine große Anzahl von Fahrzeugen mußte die MITROPA an die Wehrmacht sowie an staatliche Stellen vermieten.  Gegen Ende des Krieges wurden eine Vielzahl von Wagen beschädigt oder gingen ganz verloren.  

Die Wiederaufnahme des Betriebes ging unterschiedlich vor sich.  Während in der russischen Besatzungszone die Hauptverwaltung der MITROPA verblieb, war in den westlichen Zonen eine "Direktion West" der MITROPA geschaffen worden, aus der 1949 die "Deutsche Schlafwagen- und Speisewagen-Gesellschaft (DSG)" hervorging.  Als Folge der Wiedervereinigung fusionierten vom 1. Januar 1994 an beide Service-Gesellschaften unter dem alten Firmennamen MITROPA.

Der Lebenslauf des WR4ü 1189 P

Aus Anlaß der Aufnahme des Betriebes vor 80 Jahren beschloß die MITROPA AG den Rückbau eines windschnittigen Speisewagens mit Schürze in der ISG/DSG-Werkstätte München-Neuaubing, wobei der Originalzustand weitestgehend wiederhergestellt werden sollte.  Als Fahrzeug wählte sie dafür den früheren WR4ü 1189 P aus, der nach seiner Aufarbeitung in Berlin in der Michaelkirchstraße hinter der Hauptverwaltung seinen Platz fand.  Küche und Klimaanlage wurden nach heutigen Ansprüchen funktionsfähig hergerichtet, um Gäste bei bestimmten Anlässen bewirten zu können.  

Der WR4ü 1189 P gehörte zu einer Bestellung von 30 Wagen, die von der MITROPA mit Schreiben 86 636 am 11. Oktober 1938 bei der Wumag in Görlitz einschließlich der dazugehörigen Drehgestelle "Görlitz III schwer mit 4. Federung" Typ GA VII in Auftrag gegeben wurden.  Die Fahrzeuge erhielten die Wagennummern 1189 bis 1218 P, der Werkauftrag der Wumag lautete 10 301 und die Zeichnungsnummer Sp 1878.  Die Lauferprobung des WR4ü 1189 P fand am 18. Januar 1940 statt, die Abnahmeuntersuchung erfolgte am 26. Januar 1940.  Leider liegt die Werkstättenkarteikarte dieses Wagens nicht mehr vor, somit lassen sich über Einsätze, Laufleistungen und Untersuchungen keine Angaben machen.  In dem Wagen-Verteilungsplan der MITROPA vom 10. April 1945 wird der Wagen 1189 P zusammen mit weiteren Speisewagen mit dem Vermerk "Stettin - Stuttgart (Rottweil)" aufgeführt.  Eine Erklärung dieser Aussage konnte bislang nicht gefunden werden.  In einer undatierten Aufstellung über Schlaf- und Speisewagen der MITROPA in der US-Zone wird das Fahrzeug als "schwer beschädigt" aufgeführt.  Die Wiederaufarbeitung übernahm die FAMAS in Salzgitter-Lebenstedt, eine Interessengemeinschaft zwischen LHB und der Fahrzeug- und Maschinen-GmbH.  Der WR 1189 P war der erste Umbau dieser Firma nach dem Krieg.  1958 ließ die DSG die Faltenbalgübergänge durch Gummiwülste ersetzen, 1960 erfolgte der Einbau einer Klimaanlage und 1961 der Umbau auf Ölheizung.  Die Deutsche Bundesbahn (DB) übernahm dann ab 1. Januar 1966 alle DSG-Speisewagen, die vierstellige Wagennummer wechselte in eine fünfstellige, wobei die letzten drei Stellen erhalten blieben.  Der frühere 1189 P wurde nun der 10 189, gehörte zur Bundesbahndirektion (BD) Karlsruhe mit Heimatbahnhof Basel Badischer Bahnhof und zuständigem Ausbesserungswerk (AW) Frankfurt/Main. Die Bauartbezeichnung lautete nunmehr WR4üg(e) 152.  Aber bereits kurze Zeit später erfolgte durch die Kodifizierung der Wagen nach UIC-Richtlinien eine erneute Umzeichnung in 51 80 88-46 189-3.  Um die Laufruhe zu verbessern, bekam der Wagen 1967 Minden-Deutz-Drehgestelle der Bauart 34.  Die im Mai 1970 erfolgte Erhöhung der Höchstgeschwindigkeit auf 160 Stundenkilometer brachte zwangsläufig eine Änderung der Wagennummer in 51 80 88-86 189-4 mit sich.  Das geschah nochmals, als die Heizung im Juli 1970 für 3000 V Gleichstrom erweitert wurde.  Die Wagennummer hieß jetzt 51 80 88-80 189-0.  Aber bereits ein gutes Jahr später musterte die BD Karlsruhe den Wagen am 4. Oktober 1971 aus.

Auf eine möglichst gründliche Ausbildung ihrer Mitarbeiter legte die DSG immer sehr großen Wert, zumal diese oftmals aus fremden Berufen kamen.  Sie veranstaltete daher in regelmäßigen Abständen Fachkurse für den Service- und den Küchenbereich , die unmittelbar am und im Objekt durchgeführt wurden, um die neuen Mitarbeiter auf ihre künftige Tätigkeit als Köche, Kellner oder Stewardessen vorzubereiten.  Nach dem Besitzwechsel mußte für die Zeit der Lehrgänge zwangsläufig ein Speisewagen von der DB ausgeliehen werden.  Durch den immer knapper werdenden Bestand kam es besonders in Hochsaisonmonaten zu wachsenden Schwierigkeiten.  Diese Interessenkollision führte 1978 auf Seiten der DSG zu ersten Überlegungen, einen auszumusternden WRüg(e) von der DB zu erwerben und für Trainingszwecke entsprechend umzubauen.  Der Wagen sollte die vollelektrische Kücheneinrichtung eines Speisewagen WRmz 135 erhalten, damit die künftigen Köche so kochen lernen sollten, wie es die Praxis später von ihnen fordern würde.  Die Trainer hielten es für zwingend notwendig, die Kursteilnehmer speziell an den neuzeitlichen Einrichtungen wie Kaffee- und Spülmaschine, der Tiefkühlanlage und an den Kühlschränken auszubilden.  

Zum Abschluß der Überlegungen fand am 21. August 1979 nochmals eine Besichtigung eines Altbau-WRüg(e) 152 und eines Neubau-WRmz 135 statt.  Weitere sich anschließende Beratungen führten 1980 zu einem Antrag an den Aufsichtsrat, den Erwerb eines von der DB außer Betrieb genommenen Restaurantwagens WRüg(e) 152 zuzustimmen und das Herrichten dieses Wagens für Schulungszwecke in eigenen Werkstätten zu genehmigen.  Die veranschlagten Kosten beliefen sich auf 392 000 Mark.  Der Hauptanteil betraf den Umbau der Wirtschaftsräume, das Aufarbeiten der übrigen Räume und die neuen Einrichtungen.

Der Aufsichtsrat stimmt dem Antrag zu, zumal die Wagenlage nach Einführung des neuen InterCity-Zugsystems so angespannt war, daß Restaurantwagen nicht oder nicht zu den gewünschten Terminen abgestellt werden konnten und manchmal sogar mitten im Kurs abgezogen werden mußten.  Die Wahl für den Umbau fiel auf den WRüg(e) 152 mit der Wagennummer 51 80 88-80 189-0.  Die Werkstätte Hamburg-Langenfelde begann im Juli 1980 mit dem Ausbau der Wirtschaftsräume, eines Teiles des Speiseraumes und der Schalttafel.   Danach folgte die Überführung in die Werkstätte Neuaubing zur Instandsetzung des Wagenkastens, des Daches, der Einstiegtüren und Fenster, das Versetzen von Fenstern, die Instandsetzung des Untergestells und die Neulackierung.  Zu der Außenanschrift gab es verschiedene Vorschläge.  Da es bei dem Trainingswagen um die Ausbildung im Service-Bereich ging, entschied man sich für "Trainings-Treff" und "Training - bester Weg zu guter Leistung".  Die Ausstattung entsprach hinsichtlich der Bewirtschaftungseinrichtung dem eines modernen Restaurantwagens, wobei folgende Wirtschaftsräume auf engstem Raum untergebracht waren: 

- Küchenraum mit Elektroherd, Kaffeemaschine, Kühl-, Tiefkühl- und Vorratsschränken

- Spülraum mit Spülvorrichtung sowie Schrankwerk zur Aufbewahrung von Porzellan und Gläsern

- Büfett mit Getränkekühl- und Vorratsschränken.  

Ein außerdem installierter Mikrowellenherd ermöglichte die Ausbildung der Mitarbeiter für die damaligen "Quick-Pick"-Wagen.  Der generelle Standort des Trainingswagens war Frankfurt (Main) Hbf, Gleis 155; es bestand aber auch die Möglichkeit einer schnellen Überführung bei überregionalen Kursen.  Eine Video-Anlage erlaubte beispielsweise Live-Aufzeichnungen aus dem Unterricht, beim Servieren oder der Gästebehandlung.  Projektoren dienten der Vorführung von Tonbildschauen, ein Overhead-Projektor der Auswertung von Übungen und ein Tonbandgerät dem Üben von Lautsprecherdurchsagen.  Die Präsentation dieses für Schulungszwecke umgebauten Trainingswagens fand am 11. September 1981 statt, wobei auch die Presse Gelegenheit erhielt, die neue Einrichtung kennenzulernen.  Die DB stellte das Fahrzeug als Privat-Reisezugwagen mit der Wagennummer 50 80 08-70 189-0 P in ihren Wagenpark ein.  

Neben den verschiedenen Grund- und Aufbaukursen fanden auch Aufsichtsratssitzungen in diesem Wagen statt.  Im März erfolgte eine Änderung der äußeren Beschriftung.  Anfang 1985 wurde er für zwei Wochen von einer Privatfirma gechartert, dabei mußten die Anschriften mit Folien abgedeckt werden.  Vom 22. Dezember 1986 bis zum 9. Januar 1987 fand in der Werkstatt Neuaubing eine Durchsicht mit Ausführung einiger kleinerer Reparaturen statt.  Die ein Jahr später ursprünglich vorgesehene Anstricherneuerung wurde mit Rücksicht auf die Umfirmierung der DSG zur "Deutschen Service Gesellschaft der Bahn" zum 1. März 1988 zurückgestellt.  Die Auffrischung des Außenanstriches gemäß neuer Farbgebung der DB für InterCity-Wagen erfolgte im Sommer 1989.  Die neu zum Einsatz kommenden InterRegio-Wagen erforderten einen nochmaligen Umbau des Schulungswagens, um den Thekenbereich des Bistro Cafés mit Grillplatte, Kaffeemaschine "Etamat", Salamander, Steamer und Zapfanlage unter Verzicht auf zwei Tischreihen einzubauen.  Die Arbeiten führte die Werkstätte Neuaubing im Laufe des Jahres 1992 aus.  Die sich ein Jahr später abzeichnenden konjunkturellen Einflüsse und grundsätzlich neue vertragliche Gegebenheiten zwischen DB und DSG zwangen die DSG, von weiter ins Auge gefaßten Renovierungen des Trainingswagens abzusehen.  Mitte der neunziger Jahre wurde der Wagen aus dem Betrieb genommen.  

Für die historische Ausarbeitung in der ISG/DSG-Werkstätte Neuaubing standen nur eine Übersichtszeichnung und eine Reihe von Werkfotos aus dem Archiv der Deutschen Waggonbau AG (DWA), Werk Görlitz, zur Verfügung.  Wertvolle Bauteile, wie Drehgestelle, Wendler-Luftsauger und Küchenfenster, ließen sich aus dem in Eisenbahnmuseum Basdorf bei Berlin stehenden ehemaligen MITROPA-Speisewagen 1204 P gewinnen.  Die Kohlekästen wurden als Attrappen an den Stirnseiten wieder angebaut, hier konnten von innen zugängliche Feuerlöscher angebracht werden.  Die neue Lackierung und Beschriftung erfolgte nach historischen Vorlagen.  Da die Klimaanlage bleiben mußte, entsprechen die vorhandenen Lüftungsgitter nicht dem Ablieferungszustand.  Die wieder angebrachten Dachlüfter sind nicht funktionsfähig.  Die Inneneinrichtung entspricht in den Speiseräumen im wesentlichen dem Vorbild und konnte unter teilweiser Verwendung vorhandener Elemente aus dem Ursprungswagen, aus anderen Quellen sowie unter Verwendung neu gebauter Teile angefertigt werden.  Die Küche ist modern eingerichtet, im früheren Ofenraum befindet sich jetzt eine Garderobe.  Bei der Wandverkleidung mußte aus Kostengründen auf Echtholzfurniere verzichtet werden, hierfür kamen beschichtete Spanplatten zum Einbau.  Mit der Wiederherrichtung dieses historischen Speisewagens 1189 P macht die MITROPA deutlich, daß sie bewußt auf positive Traditionen setzt.  Damit erinnert sie an die gelungenen Fahrzeugkonstruktionen, die in enger Zusammenarbeit mit der Deutschen Reichsbahn und den deutschen Waggonfabriken entstanden waren.  Die windschnittigen Bauarten mit Schürze gehörten zweifellos hierzu.  

Joachim Deppmeyer: Historischer Speisewagen 1189 P, Göppingen: Märklin 1997